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Alle 90 Tage besser: Warum kurze Arbeitszyklen mehr sind als neue Deadlines

Die Ziele sind definiert, der Jahresplan ist beschlossen und die Maßnahmen sind verteilt. Danach beginnt der Alltag mit Meetings und einer wachsenden Zahl an Aufgaben. Am Ende lässt sich meist genau dokumentieren, was erledigt wurde: Workshops, Unterlagen, Meilensteine. Doch Aktivität ist noch kein Wirkungsnachweis. Gerade in funktionsübergreifenden Projekten kann viel Betriebsamkeit entstehen, ohne dass klar wird, ob sich das eigentliche Problem verbessert hat. Entscheidend ist daher eine andere Frage: Hat die Arbeit tatsächlich das gewünschte Ergebnis erzeugt?

Eine langfristige Strategie ist immer notwendig. Sie schafft Orientierung, setzt Prioritäten und verbindet einzelne Entscheidungen mit einem größeren Ziel. Für das operative Lernen reicht sie allein jedoch nicht aus. Je länger der Abstand zwischen Planung, Umsetzung und ehrlicher Auswertung ist, desto länger können falsche Annahmen unbemerkt bestehen bleiben. Ein 90-Tage-Zyklus verkürzt diesen Abstand und schafft einen verbindlichen Zeitpunkt, an dem ein Team Ergebnisse und Arbeitsweise gemeinsam überprüft.

Ein Impuls aus dem Healthcare Changers Podcast

In Episode 72 des Healthcare Changers Podcasts spricht Host Dominik Flener mit Lieven Hentschel, dem ehemaligen Chef von Bayer Austria, über die Transformation des Bayer Konzerns. Im Mittelpunkt steht Dynamic Shared Ownership, kurz DSO. Das Organisationsmodell soll Hierarchie reduzieren, Entscheidungen näher an die eigentliche Arbeit verlagern und Teams stärker an gemeinsamen Ergebnissen ausrichten.

Ein Element dieses Modells sind 90-Tage-Zyklen. Teams definieren gewünschte Ergebnisse, die auf übergeordnete Unternehmensziele einzahlen. Innerhalb dieses Rahmens sollen sie selbst entscheiden können, wie sie dorthin gelangen. Nach dem Zyklus folgt die Reflexion:

  • Wurde das Ergebnis erreicht?
  • Welche Vorgehensweise hat funktioniert?
  • Welche Annahme war falsch?
  • Was muss im nächsten Zyklus anders laufen?

Bayer beschreibt schnelle Arbeitszyklen als eines von fünf DSO-Verhaltensprinzipien. Dazu kommen Missionsfokus, Kundenorientierung, Empowerment sowie kulturelle Voraussetzungen für Vertrauen und Ownership. Diese Einordnung ist wichtig, denn der Zeitrahmen funktioniert im Bayer-Modell nicht isoliert. Ein Team kann nur dann Verantwortung für ein Ergebnis übernehmen, wenn es über passende Informationen und echte Entscheidungsrechte verfügt.

Warum kürzere Lernschleifen helfen können

Ein 90-Tage-Zyklus ist kein Quartalsziel mit einer neuen Bezeichnung. Er soll eine Lernschleife erzeugen. Der Unterschied zeigt sich am Ende: Wird nur präsentiert, was erledigt wurde, bleibt die Arbeitsweise unverändert. Werden Ergebnisse und Annahmen überprüft und daraus konkrete Entscheidungen abgeleitet, kann die Organisation aus ihrer Arbeit lernen.

Klare Ziele lenken die Aufmerksamkeit

Die Forschung von Edwin Locke und Gary Latham zeigt, dass klare und anspruchsvolle Ziele Aufmerksamkeit bündeln und Ausdauer fördern können. In der Praxis bedeutet das jedoch nicht, dass jede beteiligte Funktion einfach ein eigenes Ziel erhalten sollte.

Gerade in funktionsübergreifenden Projekten kann jedes Team seine Vorgaben erfüllen, ohne dass sich das gemeinsame Ergebnis verbessert. Marketing setzt die geplanten Maßnahmen um, der Vertrieb erreicht seine Kontaktziele und Medical hält alle Review-Fristen ein. Trotzdem kann das eigentliche Problem ungelöst bleiben, weil jede Funktion auf ihre eigenen Kennzahlen blickt.

Für einen kurzen Arbeitszyklus braucht es daher ein gemeinsames und verständliches Ergebnis, an dem sich alle beteiligten Funktionen orientieren. Erst danach lässt sich sinnvoll festlegen, welchen Beitrag die einzelnen Teams dazu leisten. Eine lange Liste paralleler Ziele erzeugt dagegen leicht genau jene Unklarheit, die der Zyklus eigentlich reduzieren soll.

Frühere Rückmeldung ermöglicht frühere Anpassung

Ein kürzerer Zyklus schafft früher einen natürlichen Entscheidungspunkt. Das Team muss nicht bis zum Jahresende warten, um zu prüfen, ob seine Vorgehensweise trägt. Es kann eine Annahme testen, Beobachtungen sammeln und den nächsten Schritt anpassen. Das klingt selbstverständlich, ist im Arbeitsalltag aber keineswegs die Regel. Viele Reviews dokumentieren die Vergangenheit, ohne die zukünftige Arbeitsweise sichtbar zu verändern.

Strukturierte Reflexion: Ein gutes Review untersucht Entscheidungen statt Personen

Ein Review verliert schnell seinen Wert, wenn sich die Diskussion um einzelne Personen dreht: Wer hat zu spät geliefert? Wer hat etwas übersehen? Für den nächsten Arbeitszyklus sind andere Fragen hilfreicher: Welche Annahme war falsch? Welche Information hat gefehlt? Welche Entscheidung oder welcher Prozess hat uns gebremst?

Untersuchungen deuten darauf hin, dass strukturierte Teamreflexion die Zusammenarbeit und Leistung verbessern kann – vorausgesetzt, aus den Beobachtungen entstehen konkrete Veränderungen.

Am Ende sollte daher nicht nur feststehen, was gut oder schlecht gelaufen ist. Das Team muss entscheiden, was es beibehält, verändert, beendet oder im nächsten Zyklus anders testet.

Die Zahl 90 ist ein praktischer Rahmen

Warum also 90 Tage? Drei Monate sind in vielen Organisationen ein vertrauter Planungszeitraum. Sie sind lang genug, um mehr als eine kleine Einzelmaßnahme umzusetzen, und kurz genug, um nicht ein ganzes Jahr an einer ungeprüften Annahme festzuhalten. Das macht den Zeitraum praktisch, aber nicht wissenschaftlich überlegen.

Die passende Dauer hängt von der Aufgabe ab. Ein klar begrenzter interner Prozess lässt sich möglicherweise in wenigen Wochen testen. Bei einem komplexen Versorgungsproblem reichen 90 Tage womöglich nur aus, um das Problem besser zu verstehen, Daten zusammenzuführen oder einen ersten Prototyp zu entwickeln. Ein guter Zyklus verspricht deshalb keine vollständige Lösung. Er soll genügend Wissen erzeugen, um die nächste Entscheidung besser treffen zu können.

Vier Voraussetzungen für einen wirksamen Zyklus

Der Zeitrahmen entfaltet seine Wirkung erst zusammen mit vier organisatorischen Voraussetzungen.

  • Erstens braucht das Team ein gemeinsames Ergebnis, das mehr beschreibt als erledigte Aufgaben.
  • Zweitens muss klar sein, welche Entscheidungen das Team selbst treffen darf.
  • Drittens benötigt es relevante Informationen über Fortschritt, Risiken und Nebenwirkungen.
  • Viertens muss das abschließende Review zu einer Konsequenz führen. Ein Ansatz wird fortgesetzt, verändert, beendet oder durch einen neuen Test ersetzt.

Fehlt eine dieser Voraussetzungen, kann der kurze Zyklus selbst zur Bürokratie werden. Dann entstehen zusätzliche Ziele, Statusberichte und Präsentationen, während die alten Entscheidungswege bestehen bleiben. Der Kalender wird enger, die Organisation lernt aber nicht schneller.

Der Lerngewinn zeigt sich im nächsten Zyklus

Ein Team wird nicht durch den Kalender lernfähig. Lernen zeigt sich daran, dass sich zwischen zwei Zyklen eine Entscheidung, eine Priorität oder eine Arbeitsweise verändert. Eine falsche Annahme wird korrigiert, ein ungeeigneter Prozess beendet oder eine erfolgreiche Vorgehensweise bewusst fortgesetzt.

Kurze Arbeitszyklen verbinden damit langfristige Strategie und operative Arbeit: Die Strategie gibt die Richtung vor, der Zyklus liefert Erkenntnisse für den nächsten Schritt. Sein Wert liegt nicht in der Zahl 90, sondern in der Qualität der nächsten Entscheidung.

Wer neugierig geworden ist und mehr über die Transformation bei Bayer sowie die Rolle der 90-Tage-Zyklen erfahren möchte, kann hier die gesamte Episode des Healthcare Changers Podcasts hören: Episode 72  Konzern ohne Bürokratie: Geht das?

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